Ein Umbruch in der Luftverteidigung
Ein hochrangiger NATO-Kommandeur hat gewarnt, dass die traditionellen Luftverteidigungsstrategien des Westens durch die Bedrohung günstiger Drohnen und massiver Luftangriffe unter Druck geraten. Sir John Stringer, NATO's stellvertretender Oberbefehlshaber in Europa, erklärte gegenüber Business Insider, dass der Westen nicht länger „sitzen bleiben“ und sich auf Jets und Raketen verlassen könne, um modernen Luftbedrohungen entgegenzutreten.
Die Herausforderungen teurer Verteidigungssysteme
Die langjährige Strategie des Westens, die sich auf hochentwickelte Jets und teure Raketen verlässt, ist nicht mehr ausreichend. Die aktuellen Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten zeigen, dass künftige Auseinandersetzungen nicht den gewohnten Mustern folgen werden. Der Westen hatte lange Zeit die Luftüberlegenheit gegen schwächere Gegner genossen, doch zukünftige Konflikte könnten NATO-Staaten gegen bedeutende Militärmächte wie Russland oder China stellen.
Neue Bedrohungen erfordern neue Ansätze
„Die Zeiten, in denen man dachte, man könne einfach reaktiv agieren und jede Bedrohung mit traditionellen Mitteln abwehren, sind vorbei“, so Stringer. Um moderne Luftangriffe abzuwehren, müssen die westlichen Militärs neue Ansätze entwickeln, wie den Einsatz neuer Drohnentypen oder elektronische Kriegsführung.
Die Notwendigkeit massiver Verteidigungssysteme
Stringer betonte die Notwendigkeit, nicht nur auf teure, fortgeschrittene Raketen und Flugzeuge zu setzen, sondern auch größere Mengen günstigerer Verteidigungssysteme zu entwickeln. „Die Bedrohungen sind jetzt vielfältig, von günstigen Luftsystemen und unbemannten Flugzeugen bis hin zu luftgestarteten ballistischen Raketen und hyperschallfähigen Waffen“, erklärte er.
Ein Beispiel für Missverhältnis in der Verteidigung
Ein besonders besorgniserregendes Beispiel für das bestehende Missverhältnis ist der Einsatz von US-amerikanischen Patriot-Raketen gegen kostengünstige Shahed-Drohnen, die Iran und Russland einsetzen. Die Schätzung der Kosten für eine Shahed-Drohne liegt zwischen 20.000 und 50.000 US-Dollar, während die Patriot Advanced Capability-3 (PAC-3) Abfangraketen etwa 3,7 Millionen US-Dollar kosten. Dieses Ungleichgewicht hat bereits Alarmglocken bei NATO-Funktionären und Militärführern ausgelöst.
Innovationen aus der Ukraine
Ukrainische Streitkräfte haben bereits kostengünstige Interzeptor-Drohnen entwickelt, die gegen feindliche Drohnenangriffe eingesetzt werden können. Stringer wies darauf hin, dass auch die westlichen Nationen diese Taktik nachahmen sollten. Zudem ist die Entwicklung günstiger Sensoren zur Drohnenerkennung notwendig, um die teureren Systeme zu ergänzen.
Die Bedeutung einer Offensivstrategie
Stringer warnte jedoch, dass reine Verteidigung nicht ausreiche. Er betonte, dass eine wirksame Luftverteidigung auch eine starke Offensive erfordere: „Ihre Verteidigung benötigt eine gute Offensive.“ Das Ziel sollte sein, die Produktionsstätten der feindlichen Waffen zu treffen. „Man muss die Orte angreifen, an denen die Pfeile hergestellt werden“, fügte er hinzu.
Industrie und Anpassungsfähigkeit
NATO-Mitglieder müssen ihre industriellen Kapazitäten erweitern, nicht nur durch Verteidigungsunternehmen, sondern auch durch die breitere Industrie. Die Ukraine hat gezeigt, wie wertvoll es ist, viele Unternehmen bereit zu haben, sich schnell auf die Kriegsanpassungen einzustellen.
Die Herausforderungen der Luftüberlegenheit
Angesichts der wachsenden Bedrohungen wird die Frage der Luftüberlegenheit neu überdacht. General David Allvin, ehemaliger Stabschef der US-Luftwaffe, wies darauf hin, dass die Ukraine gezeigt hat, dass es möglicherweise nicht möglich ist, „allumfassende Luftüberlegenheit für Tage und Wochen aufrechtzuerhalten“; dies könnte nur in kurzen Zeitfenstern erreichbar sein.
Die Zukunft der NATO-Luftoperationen
Stringer betonte die Notwendigkeit, die Luftüberlegenheit zu sichern, auch wenn die Methoden variieren: „Man muss die Luftüberlegenheit sichern. Die Methoden können sich ändern, aber sie sind grundlegend für den Betrieb der gesamten gemeinsamen Streitkräfte.“
Veränderungen in der Luftüberwachung
Selbst die Herangehensweise der NATO an die Koordination ihrer Luftoperationen könnte sich ändern. Die großen Kommandostellen, die bisher zur Koordination von Luftpatrouillen genutzt wurden, müssen möglicherweise dezentralisiert werden, um sie weniger angreifbar zu machen, auch wenn dies die Luftoperationen komplizierter gestaltet.
Insgesamt zeigt die Analyse von Sir John Stringer, dass der Westen vor einem grundlegenden Wandel in der Luftverteidigungsstrategie steht, um den neuen Herausforderungen durch kostengünstige Drohnen und vielfältige Luftbedrohungen gerecht zu werden.