Ein plötzlicher Erfolg und seine Folgen
Der Erfolg im Musikbusiness kann über Nacht kommen und ebenso schnell wieder verschwinden. Ein Hit, ein Plattenvertrag oder eine Tournee verwandeln einen Künstler in den CEO seiner eigenen Firma, umgeben von Managern und Agenten. Doch was geschieht mit den Musiker:innen, wenn sich ihr Alltag so dramatisch verändert, dass sie nicht mehr unerkannt einkaufen gehen können oder online angegriffen werden?
Die Auswirkungen von Druck auf die mentale Gesundheit
Der Erfolgsdruck, Leistungsdruck, Erwartungshaltung und finanzieller Druck können zu chronischem Stress führen und ernsthafte psychische Probleme wie Panikattacken, Angststörungen oder Depressionen hervorrufen. Verschiedene Studien haben die mentale Gesundheit von Musiker:innen untersucht und alarmierende Ergebnisse zutage gefördert.
Ein Wandel im Umgang mit mentaler Gesundheit
In den letzten Jahren hat sich der Dialog über mentale Gesundheit im Musikbusiness gewandelt. Immer mehr Künstler:innen sprechen offen über ihre Herausforderungen und persönlichen Kämpfe. Zu den Stimmen gehören Lola Young, Chappell Roan, Olivia Rodrigo, Last Dinner Party, Lewis Capaldi und viele österreichische Musiker:innen.
Die österreichische Künstlerin Rahel hat mit ihrem Song „Weidentier“ einen „entschleunigten“ Titel veröffentlicht, nachdem sie sich eine Pause vom Musikzirkus gegönnt hat. Sophie Lindinger, die fünffache Amadeus-Award-Gewinnerin, hat auf ihrem Solo-Album sowie in ihren Projekten Leyya und My Ugly Clementine oft über Themen wie Selfcare und mentales Durchhaltevermögen gesungen. Im FM4-Studio berichtet sie:
„Man hat immer diesen finanziellen Druck. Man kann nicht überleben, deswegen muss man mehr arbeiten. Und wenn man da und dort nicht zusagt, dann kommt die Panik: Wenn ich jetzt nein sage, fragen die mich das nächste Mal nicht mehr. Ich kann mir das nicht leisten, jetzt nein zu sagen, weil ich meine Miete nicht zahlen kann. Und dann kommt noch der Druck von Labels.“
My Ugly Clementine: Ein Beispiel für gesunde Strukturen
Die Band My Ugly Clementine hat sich ein Publikum erarbeitet und ein Standing in der österreichischen Musikszene erkämpft. Ihr Kernteam besteht aus einfühlsamen Personen, die ein offenes Ohr haben. Um die mentale Gesundheit an oberste Stelle zu setzen, gehen die Musikerinnen gemeinsam in Supervision. Mira Lu Kovacs beschreibt dies als ein Privileg, das sich nicht jede Band leisten kann.
Die verschwommenen Grenzen zwischen Beruf und Privatleben
In der Selbstständigkeit und in künstlerischen Berufen verschwimmen oft die Grenzen: Wo fängt der Beruf an und wo hört er auf? Mira Lu Kovacs äußert sich dazu:
„Das ist ja quasi Freizeit, das kann ja gar nicht so anstrengend oder schädlich sein!“
Dennoch misst sich der Erfolg von Musiker:innen in der Industrie an Zahlen: Verkaufszahlen, Streamingzahlen, Venuekapazität, Klicks und Likes. „Solange wir uns in einem kapitalistischen System befinden, wird immer alles mehr sein müssen und ständig wachsen“, bemerkt Kovacs.
Die Herausforderungen hinter den Kulissen
Auch die Personen, die hinter den Kulissen arbeiten, stehen unter Druck. Elias Oldofredi, der seit 15 Jahren in der Musikindustrie tätig ist, beschreibt seine Rolle als Manager:
„Mein Ziel ist, ein Wegbegleiter zu sein. Ich mag Spaß haben bei der Arbeit. Ich mag, dass es mich weiterhin erfüllt. Aber die Musikindustrie ist ein Hochdruckumfeld. Es ist extrem wettbewerbsintensiv und bietet wenig Raum für Erholung.“
Der Druck, der von innen kommt
Elias Oldofredi betont, dass der größte Druck oft von den Künstlern selbst kommt. Viele zögern, sich mit ihrer mentalen Gesundheit auseinanderzusetzen, aus Angst, ihr kreatives Potential zu verlieren. Er sagt:
„Ich hasse diesen Mythos, dass man weniger kreativ wird, wenn man Hilfe sucht. Das ist absoluter Bullshit!“
Initiativen zur Unterstützung der mentalen Gesundheit
Ein Beispiel für einen positiven Ansatz ist das Projekt „Bridges“, das von der Berliner Psychologin Anne Löhr ins Leben gerufen wurde. Es richtet sich an neu gesignte Künstler:innen und dient der psychoedukativen Unterstützung im Umgang mit Druck und Stress. Im April wurde das Projekt bei der CO-Pop in Köln vorgestellt.
- Ziel von „Bridges“: Künstler:innen sollen lernen, souverän mit dem Druck umzugehen, der mit Ruhm und Erfolg einhergeht.
- Freiwillige Teilnahme: Das Programm richtet sich an Künstler:innen im Alter von 18 bis 25 Jahren und ist freiwillig.
- Professionelle Unterstützung: Künstler:innen können aus einem Pool geschulter Psycholog:innen wählen, die ihnen über einen Zeitraum von 1,5 Jahren zur Seite stehen.
Das Programm wird als einzigartig für den deutschsprachigen Raum angesehen und könnte als Vorbild für andere Plattenfirmen dienen, um die mentale Gesundheit von Künstler:innen ernst zu nehmen.
Ein Ausblick auf die Zukunft
Die Musikindustrie braucht einen langen Atem, um nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Doch es gibt Anlass zur Hoffnung. Anne Löhr berichtet von einem internationalen Netzwerk von Therapeut:innen, das zunehmend gefragt wird, um Künstler:innen auf Touren zu unterstützen. Es ist an der Zeit, dass die Branche ihre Verantwortung gegenüber den Künstler:innen wahrnimmt und deren mentale Gesundheit an erste Stelle setzt.
„Ich glaube, dass es viele Möglichkeiten gibt, die mentale Gesundheit von Künstler:innen zu fördern. Es ist wichtig, dass wir diese Themen ernst nehmen und Unterstützung anbieten“, schließt Anne Löhr.